Geschichte der dentalen Implantologie

Die ersten prähistorischen Hinweise auf dentale Implantologie  finden sich bereits im fünften und sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt. So fanden bereits in der Urbevölkerung Mittelamerikas implantologische Techniken Anwendung [77]. Das in der folgenden Abbildung dargestellte wurzelförmige Eisenimplantat (Abb. 1) stammt aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt. Es wurde in Essone in einem Grab aus der Römerzeit in einem Schädel gefunden.

Bis ins 19. Jahrhundert gehörte ein Großteil der zu jener Zeit beschriebenen Implantationen eher zu den Transplantationen oder Retransplantationen, die als "Wiedereinpflanzungen" bereits 1100 n. Chr. vom andalusischen Chirurgen Ala Bukasim beschrieben und im 16. Jahrhundert wiederentdeckt wurden. Erst in der Neuzeit entwickelten sich ernst zu nehmende implantatorische Materialien und Techniken [77]. So gelang es Maggiolo und Jourdan im frühen 19. Jahrhundert erstmals, alloplastisches Material, das aus einem konischen Golddraht mit Kralle (Abb. 2) bestand, als Sofortimplantat in einem menschlichen Unterkiefer zu verankern. Mit ihrem Werk "Manual d`art dentaire" begründeten sie die moderne Implantologie [77].

Seitdem entwickelte sich die dentale Implantologie stetig weiter. Im Jahr 1886 bereitete Younger eine künstliche Alveole derart auf, dass ein Spätimplantat in diese inseriert werden konnte. Während Harris im Jahr 1887 Blei und Platin als Kunstwurzel nutzte [11], wiesen die Hohlraumimplantate nach Greenfield aus dem Jahr 1913 gitterkorbartige Formen auf (Abb. 3) und enthielten eine Platin-Iridium-Legierung [89].

Um diese Implantatform im Knochen zu verankern, nutzte Stock eine Schraube aus "Vitallium" - rostfreiem Stahl. Stock untersuchte, auf welche Weise alloplastische Materialien im Kieferknochen einheilen und welche Voraussetzungen für eine gelungene enossale Implantation gegeben sein müssen [77].

In der Geschichte der Implantologie gilt die von Formigini entwickelte Heliokolloidal­schraube als Meilenstein der Implantologie. In der Folge modifizierten Chercheve, Scialom, Linkow und Muratori die Heliokolloidalschraube von Formigini durch die Herstellung gefensterter und geschlossener Schraubensysteme, wie sie in den Abb. 4 bis 6 zu sehen sind.

 

1942 inserierte der schwedische Zahnarzt G. Dahl auf einen zahnlosen Oberkiefer einen Steg aus Stellit unter Schleimhautperiostdeckung, ein heute in Vergessenheit geratenes Verfahren. Auf diesem Steg konnte an vier durch die Schleimhaut ragenden Stützen eine Prothese fixiert werden. An der weiteren Entwicklung dieser Methode, die auf den Abb. 7 und 8 dargestellt ist, waren Weinberg 1948 sowie Gershof und Goldberg 1949 beteiligt.

Subperiostale Implantate basieren auf dem Gedanken, das Implantat als Fremdkörper nicht mit dem Knocheninneren in Kontakt kommen zu lassen, sondern es zwischen Knochen und Periost einzupflanzen. Da dieses Verfahren technisch sehr aufwendig und der Langzeitverlauf nicht prognostizierbar ist, konnte sich diese Methode nicht durchsetzen [77].

Bis in die sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam außer dem von Dahl erfundenen subperiostalen Implantat auch das so genannte Blattimplantat zum Einsatz, das 1967 von Linkow in den USA eingesetzt und ab 1970 von Grafelmann auch in Deutschland eingeführt wurde [19]. Hier erfolgte vorab die Präparation einer Rille in den Kieferknochen, in die nachfolgend das Implantat eingelassen wurde. Dieses Verfahren etablierte sich in den sechziger und siebziger Jahren zum weltweit am häufigsten angewendeten Implantatsystem.

Da das Blattimplantat (Abb. 9) keine zahnwurzelähnliche Form hat, tritt es mittels Extraktion über eine große Fläche in Kontakt mit dem umgebenden Knochen. Dies birgt den Nachteil, dass sich im Falle einer Entzündung die Infektion entlang des Implantats ausbreiten kann. So hat auch das Blattimplantat, das zu seiner Zeit als großer Fortschritt in der Geschichte der dentalen Implantologie angesehen wurde, mit Entzündungen und Abstoßungsreaktionen zu kämpfen, die implantologisch zu Misserfolgen führten.

 

 

In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Nadelimplantate nach Scialom verwandt (Abb. 10). Sie wurden als Dreibein im Knochen verankert. Aus Scialoms Nadelimplantaten entwickelte Pruin die so genannte Nadelreihe oder Nadelstraße (Abb. 11) mit sechs bis acht Nadeln im anterioren Unterkiefer, die durch einen Goldbarren verbunden wurden [19], - jedoch ohne dass eine dieser Implantatformen die aufgezeigten Probleme hätte lösen können.

Die dentale Implantologie entwickelte sich als eigener Zweig der Zahnmedizin beständig weiter und wurde intensiv beforscht. Mutschelknauss und Sandhaus stellten im Jahr 1965 einen keramischen Werkstoff unter dem Namen Crystalline bone screw aus einer Kombination von Saphir- und Aluminiumoxid her. Neben Titan konnte sich diese Keramik als Werkstoff in der Implantologie durchsetzen. In der heutigen Zeit gilt der direkte Titan-Knochen-Kontakt als ein zentrales Erfolgskriterium dentaler Implantate.

Der entscheidende Durchbruch in der dentalen Implantologie gelang jedoch erst dem schwedischen Orthopäden Brånemark. Durch Zufall entdeckte dieser 1964 die Biokompatibilität zwischen lebendem Knochengewebe und Titan [16] und prägte den Begriff der "Osseointegration" als "direkten, funktionellen und strukturellen Kontakt zwischen dem organisierten, lebenden Knochengewebe und der Oberfläche eines belasteten Implantates ohne zwischengelagerte Weichgewebsschicht" [17]. Den Erfolgen dieser osseointegrativen Implantate ist die Anerkennung der dentalen Implantologie als Wissenschaft zu verdanken.

Brånemark betonte zusammen mit Schulte die Wichtigkeit einer unbelasteten Einheilung der verwendeten Implantatsysteme. Brånemark präferierte in diesem Zusammenhang eine subgingivale Einheilung und entwickelte ein Implantatsystem bestehend aus einer Reintitan-Schraube und Verbindungselementen, die der Prothetik dienen. Während Brånemarks System hauptsächlich der Versorgung des zahnlosen Unterkiefers galt, setzte Schulte seine aus Keramik bestehenden Implantate bei Einzelzahnverlust ein. Er bevorzugte im Gegensatz zu Brånemark die transgingivale Einheilung [77].

Nach der Erfindung des gewebeintegrierten Zahnersatzes konzentrierten sich die weiteren Entwicklungen der Implantologie auf die zylindrische beziehungsweise schraubenförmige Gestaltung der Implantate, "rotationssymmetrische Implantate" genannt. Diese Formen galten lange Zeit als Goldstandard in der dentalen Implantologie. Mittels dieser Implantatform gelang Ledermann die vollprothetische Versorgung des Ober- und Unterkiefers. Er inserierte vier Implantate im interforaminalen Bereich des Unterkiefers; nach Insertion und Einheilung wurden diese durch einen gegossenen Steg verbunden, wie Abb. 12 zeigt. Auf diese Weise war es möglich, eine herausnehmbare Prothese anzufertigen, ein Verfahren, das auch heute noch stark verbreitet ist [19].

Die stetige Weiterentwicklung der dentalen Implantologie hat dazu geführt, dass zurzeit etwa 70 Implantatsysteme bei circa 1 Mio. gesetzten Implantaten im Jahr [55] allein in Deutschland zur Verfügung stehen. Auch die Zahl der implantologisch tätigen Zahnärzte/innen hat sich von 1.500 in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf 5.000 bis 7.000 im Jahr 2006 vervielfacht [70].